Werden wir einmal zu denen gehören, die das eigene Altern als eine Entschädigung für ein arbeits- und entbehrungsreiches Leben begreifen dürfen, oder erleben wir den Zwang eines viel zu frühen flexiblen Übergangs in einen Ruhestand in Einsamkeit, Krankheit und Armut, den wir gar nicht wollen? Und unter welchen Bedingungen werden wir dann "versorgt"? Institutionell entsorgt und sozial unsichtbar gemacht in einem Alten-Unternehmen moderner Management-Machart mit zweckrationaler Betriebsführung und einer "Burn-out"-Pflegeschar, die daran verzweifelt ist, weil alle "Tipps- u. Ratschläge"-Kultur doch nur zwischen den Heizungsrippen gelandet ist? Frau Gröning betont an vielen Stellen ihres überaus gelungenen Bandes in drastischer Verdeutlichung, dass Altern und Alter eben doch eine Traumatisierung mit nicht unerheblicher Folge ist bzw. sein kann - für Betroffene und Pflegende. Und sie betont immer wieder, das die Folge von Nicht-Wissen um die Zusammenhänge von Biografie und Mythen jeglicher Art ständig Nicht-Verstehen produziert mit teilweise fatalen Folgen für die Lebensqualität aller Beteiligten. Denn für Gröning ist es selbstverständlich, das eine Pflegebeziehung immer zusammengedacht gehört. Den Pflegenden versucht sie mit einer argumentativ fleißigen, deutlichen und verständlichen Sprache die Zusammenhänge von System und Lebenswelt (Habermas) zu verdeutlichen. Das Pflegearbeit immer auch Gefühlsarbeit ist, eruiert sie an vielen exemplarischen Beispielen für die tagtäglichen Grenzerfahrungen, die oft unvorbereitete Altenpflegekräfte mit aller Wucht treffen. Entweihung und Scham, Begrifflichkeiten der bedeutenden Soziologen Goffman und Elias dienen auch als eine Matriz, um herauszufinden, in welchem gemeinsam herauszuschürfendem lebensweltlichen Kontext sich Pflegebeziehungen in diversen Figurationen vollziehen. Demenzkranke Menschen brauchen, so Gröning, nicht Lenkung u. Führung, sondern stattdessen eine "Umwelt", die haltend und fördernd einwirkt durch pflegende Menschen, die möglichst selbst durch erworbene Verstehenskompetenzen und Selbstaufklärung befähigt sind bzw. werden, nicht um jeden Preis mit auch unerlaubten, d.h. unethischen, Mitteln gegen den Lebenszyklus anzupflegen. Für die Pflegenden sollte das auch bedeuten, sich mit Begriff u. Funktion der Institution auseinanderzusetzen. Wenn man konstatiert, dass zu pflegende Menschen nicht nur ein Problem haben, sondern für viele andere Menschen auch ein Problem darstellen, dann wechselt man auch von der individuellen auf die gesellschaftliche Ebene. Katharina Gröning erklärt all' diese Zusammenhänge Schritt für Schritt und hat dabei auch ein Plädoyer für eine alltäglich stattfindende Sisyphus-Arbeit vieler "verzweifelter GefühlsarbeiterInnen" geschrieben und damit ein wichtiges Stück Ideologiekririk und Aufklärung - in unser aller Interesse!
von Katharina Gröning
€ 17,90
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